Unfruchtbarkeit – kein Grund zum verzweifeln

Definitionsgemäss ist ein Ehepaar unfruchtbar (infertil), wenn es trotz regelmässigem Geschlechtsverkehr während 2 Jahren nicht zu einer Schwangerschaft kommt. Abklärungsbedürftig sind in diesen Fällen beide Ehepartner. Etwa 10-15% aller Ehen sind unfruchtbar (einige Autoren sprechen auch von bis zu 20%). In ca. 40% ist diese ungewollte Kinderlosigkeit auf Fruchtbarkeitsprobleme beim Mann und in weiteren 40% auf Probleme bei der Frau zurückzuführen. In den restlichen 20% liegen die Probleme bei Mann und Frau gemeinsam. Die Samenproduktion in den Hoden wird von Hormonen des Gehirns und des unteren Hirnanhangs gesteuert werden. Der männliche Hoden stellt 2 Funktionen sicher: Einerseits die Samenzellproduktion, anderseits die Produktion der männlichen Hormone, vorwiegend des Testosterons. Die vom Hoden produzierten Samenzellen werden vom Nebenhoden und dem Samenleiter abtransportiert und gelangen im Bereich der Vorsteherdrüse (Prostata) in die Harnröhre. Die Samenzellen machen nur einen minimalen Anteil an der Menge des Samenergusses (Ejakulat) aus. Hauptsächlich besteht dieses Ejakulat aus Sekreten der Samenblasen und der Prostata.

Von Seiten des männlichen Partners ist für eine natürliche Befruchtung der Eizelle

Vorauszusetzung:

Eine ausreichende Menge beweglicher Samenzellen; die Samenzellen dürfen nur wenig fehlgebildet sein; es müssen freie Transportwege für den Samen vorliegen.

Ursachen

Können hormonelle Störungen, Geschwulste (Tumore), angeborene Erkrankungen sein. Es liegt eine Störung der Samenzellbildung durch Hodenschäden vor, wie dies nach Unfällen, Umweltgiften, Entzündungen im Hodenbereich, bei schweren Allgemeinerkrankungen etc. beobachtet werden kann. Auch primär im Bauch- oder Leistenbereich zurückgehaltene Hoden (Hodenhochstand) produzieren zwar männliche Hormone, nicht aber Samenzellen. Aufgrund von Gefässmissbildungen kann ebenfalls eine Störung der Samenzellproduktion eintreten, wie dies bei sogenannten Krampfadern im Samenstrangbereich (Varikozelen) beobachtet werden kann. Meist ist diese Anlagestörung auf der linken Seite vorhanden.

Von den Spermienbildungsstörungen sind Spermientransportstörungen zu unterscheiden. Der Spermienabtransport kann durch vernarbte Nebenhoden behindert sein, oder aber auch nach Durchtrennung des Samenleiters (Vasektomie), wie das häufig aus Gründen der Familienplanung durchgeführt wird.

Diagnostik

Als Untersuchungsverfahren stehen die Befragung und die körperliche Untersuchung durch den Arzt zur Verfügung; eine Ultraschall-Untersuchung gibt eine guten Überblick über die Geschlechtsorgane, die Begutachtung des Spermas gibt Auskunft über die Beschaffenheit insbesondere der Spermien; Blutuntersuchungen mit speziellen Tests lassen Hormonstörungen und andere Krankheiten erkennen.

Behandlung

Die Therapie der männlichen Fertilitätsstörung ist schwierig und nicht immer erfolgversprechend. Wichtig sind auch unspezifische Massnahmen: Nikotinkonsum, exzessiver Leistungssport, allzu häufige Saunabesuche sind zu unterlassen. Wichtig ist eine ausgeglichene eiweiss- und vitaminreiche Kost. Alkohol ist nur in kleinen Mengen vertretbar. Im Berufsleben soll ungesunder Stress ebenso vermieden werden wie eine einseitige nur körperliche oder nur geistige Betätigung. Der günstige Einfluss von Ferien und Milieuveränderung ist durch zahlreiche Fälle erwiesen. Was die Kleidung angeht, so soll allzu enge Beinkleidung, welche die Lage der Hoden beeinträchtigen, vermieden werden.

Führen diese allgemeinen therapeutischen Richtlinien nicht zum gewünschten Ziel, stehen heute sog. assistierte Reproduktionstechniken zur Verfügung. Die intrazytoplasmatische Spermainjektion (ICSI-Methode) hat sich dabei als Meilenstein in der Therapie von Fertilitätsstörungen etabliert. Bevor zu diesen aufwendigen Methoden Zuflucht genommen wird, sollten sämtliche anderen zur Verfügung stehenden einfachen Therapiemöglichkeiten erschöpft sein. Insbesondere muss hier die operative Korrektur der Varikozele erwähnt werden. Hierbei werden durch eine kleine Operation die ableitenden Venen (Krampfadern) entweder verödetet (sklerosiert) oder auf einem höheren Niveau durchtrennt. Eine Verbesserung der Samenqualität lässt sich in bis zu 40% der Fälle beobachten.

Bei der ICSI-Methode wird eine einzige Samenzelle direkt in eine Eizelle eingebracht, was zur Befruchtung dieser Eizelle und resultierender Zellteilung und zur Entwicklung eines Embryos führt. Voraussetzung hierfür ist somit das Gewinnen von Samenzellen beim Mann und einer Eizelle bei der Frau. Da die Unfruchtbarkeit beim Mann durch Chromosomenstörungen verursacht sein kann, ist es vor ICSI essentiell, solche Chromosomenstörungen auszuschliessen.

Weitere Methoden der assistierten Reproduktion sind die in-vitro-Fertilisations- (IVF-) Techniken, wobei ebenfalls Samen- wie Eizellen gewonnen werden müssen. Die Befruchtung erfolgt im Reagenzglas («in vitro»), und die entstehenden Embryonen werden dann entweder in die Gebärmutter oder in die Eileiter implantiert. Diese Methoden können bei der Behandlung der männlichen Infertilität eine Rolle spielen, kommen aber sonst doch eher bei der Infertilität aus weiblicher Ursache zur Anwendung. Dies gilt selbstverständlich auch für die direkte Injektion von Sperma in die Gebärmutter zum Zeitpunkt des Eisprungs.

Rein medikamentöse Therapien der männlichen Unfruchtbarkeit sind in der Regel von wenig Erfolg gekrönt und ausserdem aufwendig.